Wie man ein Kernkraftwerk recycelt: Sara Kotnik über Nachhaltigkeit beim Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg
Was passiert mit den Tausenden Tonnen Material, die beim Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg anfallen?
Ein grosser Teil davon wird aufbereitet und wiederverwendet – das stillgelegte Kernkraftwerk Mühleberg erreicht eine Recyclingquote von über 90 Prozent. Dazu trägt auch Sara Kotnik bei, Fachspezialistin Entsorgung und Gefahrengutbeauftragte für radioaktive Transporte.
Sara arbeitet seit Anfang 2023 bei der BKW und sorgt dafür, dass Materialien des stillgelegten Kernkraftwerks fachgerecht entsorgt, aufbereitet und – wenn möglich – wieder in den Werkstoffkreislauf zurückgeführt werden. Im Interview spricht Sara über ihren Arbeitsalltag und darüber, wie der Rückbau eines Kernkraftwerks nachhaltig umgesetzt werden kann.
Sara, du arbeitest seit Anfang 2023 bei der BKW. Was hat dich motiviert, beim Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg mitzuwirken?
Ich bin zufällig auf das Stelleninserat gestossen, doch es hat sofort mein Interesse geweckt, da es um den Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg ging. Besonders fasziniert hat mich die Einzigartigkeit dieses Projekts – einen Rückbau in dieser Form hat es in der Schweiz noch nie gegeben. Ausserdem fand ich es spannend, dass bei diesem Projekt Technik, Sicherheit, Umweltschutz, Entsorgung und Nachhaltigkeit so eng miteinander verknüpft sind.
Spürst du im Alltag, dass du an einem besonderen Kapitel der Schweizer Industriegeschichte mitwirkst?
Ja, definitiv. Im Alltag ist man stark mit konkreten Aufgaben beschäftigt – mit Materialströmen, Dokumentationen oder mit Koordination. Trotzdem wird mir immer wieder bewusst, dass wir hier an einem Pionierprojekt arbeiten.
Das Kernkraftwerk Mühleberg hat jahrzehntelang Strom produziert, und nun begleiten wir den Standort in einer neuen Phase. Besonders motivierend ist für mich, dass die Erfahrungen, die wir heute mit dem Rückbau sammeln, für spätere Rückbauprojekte wertvoll sein werden.
Du bist zuständig für alles, was das Kernkraftwerk Mühleberg als «normalen Abfall» verlässt. Was umfasst deine Arbeit?
Ich habe zwei Rollen. Einerseits kümmere ich mich um Materialien wie Metall, Beton, Kunststoff oder Maschinenanlagen. Dabei geht es darum, den passenden Entsorgungs- oder Recyclingweg zu finden und alle Materialströme sauber zu dokumentieren. Gleichzeitig wird geprüft, ob Anlagen oder Materialien direkt weiterverwendet werden können.
In meiner zweiten Rolle als Gefahrengutbeauftragte bin ich verantwortlich für radioaktive Transporte. Ich stelle sicher, dass radioaktive Abfälle gesetzeskonform ins ZWILAG transportiert werden.
Viele denken bei einem Kernkraftwerk zuerst an radioaktiven Abfall. Was überrascht andere am meisten, wenn du von deiner Arbeit erzählst?
Viele sind überrascht, dass beim Rückbau eines Kernkraftwerks nur ein sehr kleiner Teil des Materials tatsächlich radioaktiv ist. Rund 98 Prozent des Materials aus dem Rückbau sind nicht radioaktiv – der grösste Teil besteht aus Beton und Stahl. Viele Materialien gelangen zurück in den Werkstoffkreislauf. Zudem achten wir darauf, Transportwege möglichst kurz zu halten und mit regionalen Partnern zusammenzuarbeiten.
Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag bei dir aus?
Einen typischen Arbeitsalltag gibt es bei mir nicht, und das macht meine Arbeit so spannend. Ich arbeite hauptsächlich am Standort Mühleberg und stehe immer im Austausch mit internen Bereichen sowie mit externen Partnern und Entsorgungsunternehmen. Meine Aufgaben reichen von Koordination und Dokumentation bis hin zu Entsorgungsnachweisen und radioaktiven Transporten. Bei allen Projekten ist es wichtig, dass alle Materialbewegungen sorgfältig geplant und dokumentiert sind.
Das Kernkraftwerk Mühleberg erreicht eine Recyclingquote von über 90 Prozent. Wie erreicht man eine so hohe Quote?
Eine hohe Recyclingquote entsteht nicht von selbst. Man muss bereits früh im Prozess mitdenken: Wie wird Material ausgebaut, getrennt und gelagert? Wie können Materialvermischungen vermieden werden? Welche Anforderungen stellen Recyclingunternehmen an das Material?
Faszinierend ist, dass bei einem so grossen Projekt, wie dem Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg, die vielen kleinen Entscheidungen, die in der Vorbereitungsphase getroffen werden, im späteren Projektverlauf so eine entscheidende Rolle spielen.
Je besser die Materialströme vorbereitet sind, desto effizienter können die Materialien später genutzt und verwertet werden.
Was braucht es alles, bis das Material aus dem Kernkraftwerk Mühleberg wiederverwendet werden kann?
Zuerst wird geprüft, woher das Material stammt und ob es radioaktiv ist. Danach wird es zerlegt, sortiert und gereinigt. Anschliessend erfolgt die Freimessung. Erst wenn alle Anforderungen erfüllt und die Nachweise dokumentiert sind, darf das Material das Kernkraftwerk verlassen. Solche Prozesse können bis zu mehreren Monaten dauern.
Teile des Kernkraftwerks Mühleberg kommen später ins Museum. Welche Stücke würdest du aufbewahren?
Besonders eindrücklich finde ich den Kommandoraum. Dort wird sichtbar, wie das Kernkraftwerk über Jahrzehnte betrieben wurde. Ich würde etwas aufbewahren, das den Arbeitsalltag zeigt – etwa einen Anzeigeschalter oder Beschriftungen. Nicht unbedingt die grössten oder spektakulärsten Objekte, sondern alltägliche Gegenstände, die zeigen, wie die Menschen hier gearbeitet haben.
In deiner Freizeit bist du gerne in den Bergen unterwegs. Gibt es Parallelen zwischen dem Bergsteigen und deinem Beruf?
Ja, die gibt es. Sowohl beim Bergsteigen als auch beim Rückbau braucht es eine sorgfältige Planung, eine gute Vorbereitung sowie Respekt vor der Umgebung. Man muss Risiken einschätzen, kleine Schritte machen und im Team funktionieren. Die vielen kleinen Vorbereitungen mögen auf den ersten Blick unscheinbar wirken, sind aber entscheidend für den langfristigen Erfolg.
Hat deine Naturverbundenheit deinen Blick auf Nachhaltigkeit geprägt?
Ja, definitiv. Wer viel draussen unterwegs ist, erlebt die Natur intensiv und merkt, wie wichtig es ist, respektvoll mit ihr umzugehen. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit auch, möglichst keine Spuren in der Natur zu hinterlassen und verantwortungsvoll mit Ressourcen umzugehen.
Wie erlebst du die Natur rund um das stillgelegte Kernkraftwerk?
Die Natur rund um das Kernkraftwerk ist beeindruckend – fast schon magisch.
Trotz des industriellen Standorts sieht man beinahe täglich Tiere wie Rehe oder Füchse. Es gibt auch eine bunte Vogelwelt. Die Umgebung an der Aare ist wunderschön – im Sommer kann man dort schwimmen gehen.
Welche Projekte reizen dich besonders, wenn der Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg abgeschlossen ist?
Die Schnittstelle zwischen Entsorgung, Sicherheit und Regulierung interessiert mich sehr. Ich könnte mir deshalb gut vorstellen, auch in Zukunft an Projekten mit komplexen Materialströmen, Spezialtransporten oder anspruchsvollen Entsorgungsfragen mitzuwirken.
Vielen Dank für das Interview!
Das Kernkraftwerk Mühleberg kann übrigens besucht werden – Interessierte erhalten dort spannende Einblicke in den Rückbauprozess: