Kernenergie weltweit

Kernenergie trägt rund elf Prozent zur weltweiten Stromproduktion bei (Stand Ende 2016). Von den weltweit 31 Ländern, die Kernkraftwerke betreiben, decken 13 Länder – darunter die Schweiz – mehr als einen Viertel ihres Strombedarfs mit Kernkraftwerken. 18 von 35 OECD-Ländern erzeugen Strom mit Kernkraftwerken. Der Anteil der Kernenergie beträgt in diesen Ländern im Schnitt knapp 30 Prozent. Die USA erzeugten im Jahr 2016 mit 99 Anlagen (4 stehen im Bau) am meisten Atomstrom, vor Frankreich (58 Reaktoren) sowie China und Russland (je 35 Reaktoren). 

Ende 2016 umfasste der Kernkraftwerkspark 449 Reaktoren in 31 Ländern. Von den 42 betriebsfähigen Kernkraftwerken Japans haben Ende 2016 nur drei Strom produziert. Die übrigen befanden sich im Betriebsstillstand. Seit dem Reaktorunfall in Fukushima-Daiichi 2011 sind in Japan nach und nach alle einsatzfähigen Kernkraftwerke vom Netz genommen worden. In Japan dürfen Betreiber Reaktoren erst dann wieder anfahren, wenn sie alle Stufen des verschärften Wiederinbetriebnahme-Verfahrens erfolgreich abgeschlossen haben.

Anders als in Deutschland und der Schweiz investieren die meisten anderen Kernenergieländer weiterhin in die ressourcen- und umweltschonende Kernenergie. So standen Ende 2016 weltweit 60 Kernkraftwerke im Bau, 20 davon in China.

Nach Fukushima haben viele Länder ihre Kernanlagen sowie ihre Strompolitik überprüft. Die EU-Länder und die Schweiz unterzogen ihre Kernkraftwerke einem Stresstest, um sie hinsichtlich der Erkenntnisse aus dem Unfall in Japan zu prüfen und allfällige Schwachstellen zu beseitigen. In der Schweiz verfügte die nukleare Aufsichtsbehörde Ensi umfangreiche Sicherheitsüberprüfungen. Die Behörde startete einen Aktionsplan, um die Lehren aus Japan in der Schweiz umzusetzen. Diese Arbeiten wurden Ende 2016 abgeschlossen. Die Resultate der Sicherheitsüberprüfungen waren für die Schweiz grundsätzlich positiv, wenngleich einige potenzielle Schwachstellen behoben und Sicherheitsmargen weiter erhöht werden können.

Der Hergang des Unfalls in Fukushima wurde weltweit genau analysiert. Dabei kamen die japanische Regierung und eine vom Parlament eingesetzte Kommission zum Schluss, dass die Ursache nicht die Technik an sich, sondern die ungenügende Sicherheitskultur gewesen war: Der zunehmende internationale Wissensstand war nicht – wie etwa in der Schweiz – in technischen Nachrüstungen umgesetzt worden. Wären in der Anlage von Fukushima die internationalen Standards eingehalten worden, wäre der Unfall nicht passiert. Mehr zum Unfall in Fukushima finden Sie hier.

Da es also beim Einhalten der internationalen Standards aus technischer Sicht keinen Grund gibt, auf Kernenergie und ihre bedeutenden Vorteile zu verzichten, setzen fast alle Kernenergienationen ihre zivilen nuklearen Programme fort. Es gibt daneben eine ganze Reihe Länder, die sich überlegen, in die Nutzung der Kernenergie einzusteigen. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) erwartet eine bedeutende Zunahme der globalen Kernenergienutzung. So sind heute gut 140 Kernkraftwerke weltweit in der Projektierungs- oder Bewilligungsphase. Ein bedeutender Anteil dieser Projekte ist in Asien, namentlich in China und Indien, zu finden.

USA und Westeuropa mit neuer Bautätigkeit

In den USA verabschiedete der Kongress im Sommer 2005 ein neues Energiegesetz, das CO2-arme Energien fördert und somit auch die Tür für neue Kernkraftwerke weit öffnet. Der Staat straffte das Bewilligungsverfahren und steht bei den ersten sechs neuen Kernkraftwerken für die Mehrkosten gerade, falls sich das Verfahren ohne Verschulden der Bauherrschaft verzögert. Bis Anfang 2010 wurden bei der Aufsichtsbehörde Gesuche für den Bau und Betrieb von total 28 Kernkraftwerken eingereicht. Rund die Hälfte der Anträge wurde jedoch aus wirtschaftlichen Gründen von den Antragsstellern wieder zurückgezogen. Bis Ende 2016 stimmte die Behörde dem Bau von 11 Kernkraftwerken zu. Vier davon stehen seit 2013 in Bau.

Die USA fördern alle CO2-armen Energieformen: Hier der Bau eines der zwei neuen Kernkraftwerke am Standort Virgil C. Summer in South Carolina. (Bild: SCE&G)

In Europa ist im finnischen Olkiluoto das fünfte Kernkraftwerk des Landes in Bau, ein europäischer Druckwasserreaktor modernster Bauart (EPR). In Finnland sind zudem Vorbereitung für den Bau eines weiteren Kernkraftwerks am Laufen. Das Land will damit seine Abhängigkeit von russischen Stromlieferungen verkleinern. Ein weiterer EPR steht in Europa seit Ende 2007 in Frankreich am Standort Flamanville in der Normandie in Bau.

Anfang 2008 entschied die britische Regierung, alternde Kernkraftwerke durch neue zu ersetzen. Grossbritannien plant gegenwärtig den Bau von gut 16 000 Megawatt neuer nuklearer Kapazität an acht bereits definierten Standorten. Damit würde das Königreich den Atomstromanteil von heute rund 20 Prozent auf über 40 Prozent verdoppeln. Dies ausdrücklich, um die Abhängigkeit von fossilen Energien und deren klimaschädigenden Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Am weitesten fortgeschritten ist das Bauprojekt vom Hinkley Point im Süden Englands, wo zwei Reaktoren vom Typ EPR gebaut werden sollen.

Frankreichs erstes Kernkraftwerk vom Typ EPR soll 2019 die Stromproduktion aufnehmen. (Bild: EdF)
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Osteuropa: von Kohle und Gas zur Kernenergie

Auch mehrere mittel- und osteuropäische Länder setzen auf Kernenergie. Sie wollen ihre Abhängigkeit von Kohle und Erdgasimporten verringern oder ihre bestehenden Kernkraftwerke durch neue, moderne Anlagen ersetzen. So sind in der Slowakei gegenwärtig zwei russische Reaktoren in Bau. Rumänien nahm im Jahr 2007 sein jüngstes Kernkraftwerk in Betrieb (Cernavoda-2, ein kanadischer Candu-Schwerwasserreaktor). Das Land plant, zwei Einheiten desselben Typs mit chinesischer Unterstützung in den nächsten Jahren fertigzustellen.

Ernsthaft geprüft wird der Neubau von Kernkraftwerken in Bulgarien, Tschechien und Litauen. Auch Ungarn will neue Kernkraftwerke bauen. Es schloss deshalb mit Russland 2014 ein Abkommen zu Bau von zwei Blöcken ab.

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Russland und Asien setzen auf Kernenergie

China stieg spät in die Kernenergie ein: Das Land nahm sein erstes Kernkraftwerk erst Anfang der 1990er-Jahre in Betrieb. Mittlerweile versorgen 35 Kernkraftwerke das Land mit Strom (Stand Ende 2016). Ihr Anteil an Chinas Strommix beträgt 4%. Diese Zahl wird in den kommenden Jahren stark wachsen: Gut 20 Kernkraftwerke stehen in Bau und drei Duzend sind in fortgeschrittenem Planungsstadium. Südkorea ergänzt seinen nuklearen Kraftwerkpark von bereits 25 Blöcken mit drei Neubauten, und weitere Anlagen sind geplant. Konkrete Baupläne gibt es zudem in Bangladesch.

Ehrgeizige Ausbauprojekte verfolgen auch Russland und Indien. Russland will jährlich zwei Neubauten in Betrieb nehmen, um mehr Erdgas zu guten Preisen nach Westeuropa exportieren zu können. Ende 2016 standen sieben Reaktoren in Bau, darunter das weltweit erste schwimmende Kernkraftwerk mit zwei kleinen Reaktoren für die Strom- und Fernwärmeversorgung in der russischen Arktis. In Indien waren Ende 2016 fünf Reaktoren in Bau und 20 weitere Anlagen waren geplant. Pakistan baut zu den bestehenden vier noch drei weitere Reaktoren.

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Der nahe Osten und Lateinamerika ziehen mit

Bemerkenswert ist auch, dass die Vereinigten Arabischen Emirate, die über grosse Erdölvorkommen verfügen, für die Zukunft auf Kernenergie setzen: Im Sommer 2012 begannen sie mit dem Bau des ersten von vier Kernkraftwerken koreanischer Bauart. Dieses dürfte 2017 die Stromproduktion aufnehmen. Bis 2020 sollen alle vier Reaktoren in Betrieb stehen. Auch die Türkei plant seit 2010, durch Russland zwei Kernkraftwerkeinheiten an der Mittelmeerküste errichten zu lassen sowie zwei weitere Einheiten durch ein französisch-japanisches Konsortium am Schwarzen Meer. Das Besucherzentrum am Mittelmeer wurde schon im Januar 2013 eröffnet.

Der Iran nahm sein erstes Kernkraftwerk 2011 in Betrieb. Das Land will mit russischer Unterstützung weitere Reaktoren bauen. Russische Reaktoren sollen auch in Ägypten gebaut werden, das derzeit keine Kernkraftwerke betreibt. Argentinien, Brasilien, Mexiko und Südafrika bereiten gegenwärtig den Ausbau ihres heutigen Kernkraftwerkparks vor. In Argentinien ging Anfang 2014 das dritte Kernkraftwerk des Landes in Betrieb. Brasiliens drittes Kernkraftwerk soll 2017 die Stromproduktion aufnehmen.

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Gute Gründe für neue Kernkraftwerke

Diese Bautätigkeit hat handfeste Gründe:

  • Die Kernkraftwerke aus dem Boom der 1970er-Jahre nähern sich dem Ende ihrer wirtschaftlichen Betriebsdauer. Ihr Ersatz muss rechtzeitig in Angriff genommen werden.
  • Die Nachfrage nach Strom nimmt weltweit laufend zu, besonders in bevölkerungsreichen Schwellenländern wie Brasilien, China oder Indien, die seit Jahren ein hohes Wirtschaftswachstum zeigen. Gemäss den Schätzungen der amerikanischen Energy Information Administration dürfte sich die weltweite Stromnachfrage bis 2025 praktisch verdoppeln.
  • Die Preisstabilität von Kernenergie, die anders als bei fossilen Energieträgern kaum vom Preis des Brennstoffs abhängt, macht die Kernenergie attraktiv.
  • Der neuen erneuerbaren Energien sind nicht regelbar und produzieren nicht bedarfsgerecht.

Der Klimaschutz und die knapper werdenden Rohstoffe sprechen für die praktisch treibhausgasfreie, umweltschonende Kernenergie.

Fossile Energien belasten die Atmosphäre zu stark mit Treibhausgasen. Klimafeundliche Optionen wie die Kernenergie sind dringend nötig.

Nach zwei Jahrzehnten mit geringer Bautätigkeit werden heute wieder mehr neue Kernkraftwerke gebaut. Die zahlreichen technischen Entwicklungen im Reaktorbau der letzten Jahrzehnte müssen sich jetzt kommerziell bewähren. Ein wahrer Wettlauf um Aufträge der grossen Konzerne aus China, Frankreich, Japan, Russland, Südkorea und den USA ist entbrannt.