Kernenergie weltweit

Kernenergie trägt rund zwölf Prozent zur weltweiten Stromproduktion bei (Stand 2014). In den OECD-Ländern (westliche Industrienationen einschliesslich Japan und Südkorea) beträgt ihr Anteil sogar etwas über 20 Prozent. Von den 31 Ländern, die Kernkraftwerke betreiben, decken 13 Länder – darunter die Schweiz – mehr als ein Viertel ihres Strombedarfs mit Kernkraftwerken. Die USA erzeugten im Jahr 2014 mit 99 Anlagen (5 stehen im Bau) am meisten Atomstrom, vor Frankreich (58 Reaktoren) und Russland (34 Reaktoren).

Ende 2014 standen weltweit in 31 Ländern 439 Kernkraftwerke in Betrieb (3 mehr als 2012). Das sind mehr als in den vergangenen Jahren, obwohl mittlerweile einige kleinere Reaktoren der ersten und zweiten Generation das Ende ihrer Betriebszeit erreicht haben und stillgelegt wurden. Einerseits stehen in Japan seit dem Unfall in Fukushima und bis zum Erteilen der Wiederanfahrbewilligung noch Dutzende von Reaktoren still, während in Deutschland im Jahr 2011 aus politischen Gründen acht Reaktoren ausser Betrieb genommen wurden. Aber andererseits sind die neuen Kernkraftwerke deutlich leistungsstärker als die stillgelegten. Zudem stehen Anfang 2014 weltweit fast 70 Kernkraftwerke im Bau. Anders als in Deutschland und der Schweiz investieren die meisten anderen Kernenergie-Länder weiterhin in die ressourcen- und umweltschonende Kernenergie.

Nach Fukushima haben viele Länder ihre Kernanlagen sowie ihre Strompolitik überprüft. Auch in der Schweiz verfügte die nukleare Aufsichtsbehörde umfangreiche Sicherheitsüberprüfungen, die bis heute mit grossem Aufwand über den Aktionsplan Fukushima 2013 weitergeführt werden. Die Resultate der Sicherheitsüberprüfungen waren für die Schweiz grundsätzlich positiv, wenngleich einige potenzielle Schwachstellen behoben und Sicherheitsmargen weiter erhöht werden können. Die EU-Länder und die Schweiz unterzogen ihre Kernkraftwerke einem Stresstest, um sie hinsichtlich der Erkenntnisse aus dem Unfall in Japan zu prüfen und allfällige Schwachstellen zu beseitigen.

Der Hergang des Unfalls in Fukushima wurde weltweit genau analysiert. Dabei kamen die japanische Regierung und eine vom Parlament eingesetzte Kommission zum Schluss, dass die Ursache nicht die Technik an sich, sondern die ungenügende Sicherheitskultur gewesen war: Der zunehmende internationale Wissensstand war nicht – wie etwa in der Schweiz – in technischen Nachrüstungen umgesetzt worden. Wären in der Anlage von Fukushima die internationalen Standards eingehalten worden, wäre der Unfall nicht passiert. Mehr zum Unfall in Fukushima finden Sie hier.

Da es also beim Einhalten der internationalen Standards aus technischer Sicht keinen Grund gibt, auf Kernenergie und ihre bedeutenden Vorteile zu verzichten, setzen fast alle Kernenergienationen ihre zivilen nuklearen Programme fort. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) erwartet eine bedeutende Zunahme der globalen Kernenergienutzung. So sind heute über 160 Kernkraftwerke weltweit in der Projektierungs- oder Bewilligungsphase.

Weltweit sind per 1.1.2013 236 Kernkraftwerke in Betrieb und tragen rund 12 Prozent zur globalen Stromerzeugung bei.

USA und Westeuropa mit neuer Bautätigkeit

In den USA verabschiedete der Kongress im Sommer 2005 ein neues Energiegesetz, das CO2-arme Energien fördert und somit auch die Tür für neue Kernkraftwerke weit öffnet. Der Staat straffte das Bewilligungsverfahren und steht bei den ersten sechs neuen Kernkraftwerken für die Mehrkosten gerade, falls sich das Verfahren ohne Verschulden der Bauherrschaft verzögert. Anfang 2013 bearbeitete die amerikanische nukleare Aufsichtsbehörde 16 Baugesuche für neue Reaktorblöcke. Fünf weitere Blöcke sind gegenwärtig im Bau, und 13 weitere Anlagen geplant.

 

Die USA bauen wieder Kernkraftwerke. Im Bild die Anlage Vogtle. (Bild ANS)

In Europa ist im finnischen Olkiluoto das fünfte Kernkraftwerk des Landes im Bau, ein europäischer Druckwasserreaktor modernster Bauart (EPR). Bereits laufen die Planungsarbeiten für ein sechstes und siebtes. Finnland will damit seine Abhängigkeit von russischen Stromlieferungen verkleinern. In Frankreich wurde Ende 2007 in Flamanville in der Normandie ebenfalls mit dem Bau eines EPR begonnen – dem Serienvorläufer für die Erneuerung des heutigen französischen Nuklearparks, der gegenwärtig 58 Atomkraftwerke umfasst.

Anfang 2008 entschied die britische Regierung, alternde Kernkraftwerke durch neue zu ersetzen. Grossbritannien plant gegenwärtig den Bau von bis zu 18 000 Megawatt neuer nuklearer Kapazität an acht bereits definierten Standorten. Damit würde das Königreich den Atomstromanteil von heute rund 20 Prozent auf über 40 Prozent verdoppeln. Dies ausdrücklich, um die Abhängigkeit von fossilen Energien und ihren klimaschädigenden Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Zwei Reaktoren vom Typ EPR wird die französische EdF im Süden Englands am Standort Hinkley Point und zwei weitere am Standort Sizewell bauen. Weitere Bauprojekte befinden sich in Vorbereitung.
 
Schweden, das wie die Schweiz 40 Prozent seines Stroms nuklear erzeugt, machte 2009 den rund 30 Jahre zuvor beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie rückgängig. In Anbetracht des Klimawandels und des ungenügenden Entwicklungsstandes alternativer, erneuerbarer Energiequellen wurde der Ersatz der alten Kernkraftwerke durch leistungsstarke, moderne Reaktoren wieder erlaubt.

In Flamanville in der Normandie wurde 2007 mit dem Bau eines EPR begonnen. (Bild: ASN)
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Osteuropa: von Kohle und Gas zur Kernenergie

Auch mehrere mittel- und osteuropäische Länder setzen auf Kernenergie und machen sich zunehmend von Kohle und Erdgasimporten unabhängig. So sind in der Slowakei gegenwärtig zwei Reaktoren russischer Bauart im Bau und in Tschechien soll der bestehende Standort Temelin mit zwei weiteren Blöcken ausgebaut werden. Rumänien nahm schon im Jahr 2007 ein neues Kernkraftwerk in Betrieb (Cernavoda-2, ein kanadischer Candu-Schwerwasserreaktor). Zwei weitere Einheiten sollen in den nächsten Jahren fertig gestellt werden. Ernsthaft geprüft wird der Neubau von Kernkraftwerken in den baltischen Staaten, in Bulgarien, Polen und Ungarn.

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Russland und Asien setzen auf Kernenergie

China stieg erst spät in die Kernenergie ein und betrieb Anfang 2013 16 Kernkraftwerke. Diese Zahl wird in den kommenden Jahren stark wachsen: Rund 30 Kernkraftwerke stehen im Bau, und weitere 50 sind in fortgeschrittenem Planungsstadium. Auf Taiwan stehen sechs Kernkraftwerke in Betrieb, zwei befinden sich im Bau. Südkorea ergänzt seinen nuklearen Kraftwerkpark von bereits 23 Blöcken mit vier Neubauten, und weitere Anlagen sind geplant. Konkrete Baupläne gibt es zudem in Vietnam.

Ehrgeizige Ausbauprojekte verfolgen auch Russland und Indien. Russland will jährlich zwei Neubauten in Betrieb nehmen, um mehr Erdgas zu guten Preisen nach Westeuropa exportieren zu können. Zehn Reaktoren sind zurzeit im Bau, darunter ein Schneller Brüter und das weltweit erste schwimmende Kernkraftwerk mit zwei kleinen Reaktoren für die Strom- und Fernwärmeversorgung in der russischen Arktis. In Indien waren Anfang 2013 sieben Reaktoren im Bau und 18 weitere Anlagen sind geplant. Pakistan baut zu den bestehenden drei noch zwei weitere Reaktoren.

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Der nahe Osten und Lateinamerika ziehen mit

Bemerkenswert ist auch, dass die Vereinigten Arabischen Emirate, die über grosse Erdölvorkommen verfügen, für die Zukunft auf Kernenergie setzen: Im Sommer 2012 begannen sie mit dem Bau der ersten von vier Kernkraftwerken koreanischer Bauart. Auch die Türkei plant seit 2010, durch Russland zwei Kernkraftwerkeinheiten an der Mittelmeerküste errichten zu lassen sowie zwei weitere Einheiten durch ein französisch-japanisches Konsortium am Schwarzen Meer. Das Besucherzentrum am Mittelmeer wurde schon im Januar 2013 eröffnet. Im Iran ist bereits 2011 das erste Kernkraftwerk des Landes ans Netz gegangen. Argentinien, Brasilien, Mexiko und Südafrika bereiten gegenwärtig den weiteren Ausbau ihrer heutigen Kernkraftwerkparks vor. In Argentinien stand Anfang 2013 das dritte Kernkraftwerk des Landes kurz vor der Inbetriebnahme.

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Gute Gründe für neue Kernkraftwerke

Diese Bautätigkeit hat handfeste Gründe:

  • Die Kernkraftwerke aus dem Boom der 1970er-Jahre nähern sich dem Ende ihrer wirtschaftlichen Betriebsdauer und müssen ersetzt werden.
  • Die Nachfrage nach Strom nimmt weltweit laufend zu, besonders in bevölkerungsreichen Schwellenländern wie Brasilien, China oder Indien, die seit Jahren ein hohes Wirtschaftswachstum zeigen. Gemäss den Schätzungen der amerikanischen Energy Information Administration dürfte sich die weltweite Stromnachfrage bis 2025 praktisch verdoppeln.
  • Die Preisstabilität von Kernenergie, die anders als bei fossilen Energieträgern kaum vom Preis des Brennstoffs abhängt, macht die Kernenergie attraktiv.
  • Der neuen erneuerbaren Energien sind noch nicht wirtschaftlich und kaum regelbar.

Der Klimaschutz und die knapper werdenden Rohstoffe sprechen für die praktisch treibhausgasfreie, umweltschonende Kernenergie.

Fossile Energien belasten die Atmosphäre zu stark mit Treibhausgasen. Klimafeundliche Optionen wie die Kernenergie sind dringend nötig.

Nach zwei Jahrzehnten mit geringer Bautätigkeit werden heute wieder mehr neue Kernkraftwerke gebaut. Die zahlreichen technischen Entwicklungen im Reaktorbau der letzten Jahrzehnte müssen sich jetzt kommerziell bewähren. Ein wahrer Wettlauf um Aufträge der grossen Konzerne aus Russland, Südkorea, Frankreich, Japan und den USA ist entbrannt. So standen beispielsweise in Russlands Bestellbüchern für 2011 doppelt so viele ausländische Aufträge zum Bau von Reaktoreinheiten als noch ein Jahr zuvor.