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26.09.2023

Leadership, Diversität und Networking: Die World Nuclear University und ihre Mission

Seit Februar 2021 amtet Isis Leslie als Direktorin der World Nuclear University (WNU). Swissnuclear sprach mit ihr über die Mission der WNU, das 2022 erstmals durchgeführte Wintercamp und ihre Zukunftspläne.

Leadership, Diversität und Networking: Die World Nuclear University und ihre Mission

Wann und von wem wurde die WNU gegründet? Welche Ideen stecken hinter dem Projekt?

Die WNU wurde vor 20 Jahren gegründet, mit Unterstützung der IAEA (International Atomic Energy Agency), der OECD-NEA (Nuclear Energy Agency, Organisation for Economic Co-operation and Development), der WNA (World Nuclear Association) und der WANO (World Association of Nuclear Operators). Die WNU wurde zu einem Teil der WNA und erhielt damit ein auf die Bedürfnisse der internationalen Kernenergiebranche ausgerichtetes Programm, wobei wir eng mit verschiedenen Unternehmen und anderen Organisationen zusammenarbeiten.

Ursprünglich wurde die WNU mit der Idee gegründet, Personen zu trainieren, die neu in der Kernenergiebranche waren. Im Laufe der Zeit hat sich der Fokus verschoben, hin auf die Weiterausbildung von Leistungsträgern und Führungspersönlichkeiten.

Anders als reguläre Hochschulen ist die WNU keine ortsgebundene Einrichtung. Dies bedeutet, dass wir überall auf der Welt Kurse durchführen können. Meines Wissens gab es durchaus Überlegungen, die WNU an einen bestimmten Ort zu binden. Da die Internationalität eines unserer wichtigsten Merkmale ist, würde dies jedoch nur bedingt Sinn machen, umso mehr, als dass wir uns als Teil einer globalen Kernenergie-Gemeinschaft verstehen.

Welche Ideen stecken hinter dem Kursangebot der WNU? Auf welche Ausbildungsinhalte wird besonders Wert gelegt?

Die WNU bietet verschiedenste Kurse an. Entsprechend unserer Ausrichtung steht die Leadership-Ausbildung im Zentrum des Interesses. Erfahrene Führungspersönlichkeiten der Branche geben ihr Wissen an die nächste Generation weiter, die vom reichen Erfahrungsschatz der Referierenden profitiert. Zudem geht es darum, sich mit der Leadership-Kultur der eigenen Organisation auseinanderzusetzen und die persönlichen Fähigkeiten in diesem Bereich weiterzuentwickeln. Wir glauben nicht daran, dass es ein allgemeingültiges Patentrezept gibt, das jede Person übernehmen und umsetzen kann, sondern dass der eigene Führungsstil etwas sehr Persönliches ist. Vorträge von gestandenen Führungspersönlichkeiten sollen die nächste Generation inspirieren, sich stetig weiterzuentwickeln und das eigene Führungsverhalten zu reflektieren.

Ein weiterer Fokus der WNU ist die Weiterbildung im Kommunikationsbereich. Unsere Veranstaltungen werden alle auf Englisch durchgeführt, wobei wir den Teilnehmenden das nötige Vertrauen vermitteln, damit sie ihre Argumente publikumsorientiert darlegen und Ergebnisse zu komplexen Arbeitsaufträgen selbstbewusst präsentieren können.

Der dritte Kernpunkt unserer Ausbildungskurse ist ein gesamtheitliches Verständnis der globalen Kernenergiebranche. Ziel ist es, dass Kursteilnehmende den Blick über den Tellerrand wagen und ein Verständnis für das grosse Ganze entwickeln - für das Ineinandergreifen der einzelnen Bestandteile der Welt der Kernenergie.

Wie ist die WNU organisiert? Wer steckt hinter dem vielfältigen Kursangebot der WNU?

Wir sind ein verhältnismässig kleines Team, das drei Personen umfasst. Ich bin Direktorin der WNU und stehe gleichzeitig der Arbeitsgruppe «Leadership and Capacity Development» der WNA vor. Raquel Heredia Silva ist eine erfahrene Nuklearingenieurin, die sich mit grossem Engagement für Diversität und Inklusion einsetzt. Sie ist verantwortlich für das Ausbildungsprogramm und dessen Weiterentwicklung. Dies beinhaltet neben der Organisation des Gesamtprogramms auch die Vorbereitung einzelner Lektionen. Karyna Zamani unterstützt Raquel bei ihren Arbeiten und ist verantwortlich für Marketing sowie Kommunikation ebenso wie für die Betreuung der Kursteilnehmenden.

Welche Kurse werden von Dir und Deinem Team organisiert? Wie ist die Finanzierung der Veranstaltungen sichergestellt?

Als Team organisieren Raquel, Karyna und ich verschiedenste Kurse, die alljährlich angeboten oder nur nach Bedarf durchgeführt werden. Am bekanntesten ist unser Aushängeschild, das «Summer Institute». Ebenfalls bekannt ist die von uns durchgeführte «School of Radiation Technology» sowie die zweiwöchige «Strategic Leadership Academy». Daneben organisieren wir auf Nachfrage beispielsweise die Veranstaltung «Nuclear English» oder auf spezifische Wünsche zugeschnittene Kurse, wie die 2023 in der Volksrepublik China durchgeführte «WNU Tsinghua Week».

Bei «Nuclear English» handelt es sich nicht um einen klassischen Sprachkurs, sondern um eine Veranstaltung, in deren Rahmen die Teilnehmenden lernen, sich in der internationalen Welt der Kernenergie zu bewegen bzw. zu herausfordernden Themen Präsentationen zu halten und an Diskussionen an Fachtagungen teilzunehmen.

Das «Summer Institute» und andere reguläre Kurse werden grösstenteils durch Kursbeiträge der Teilnehmenden finanziert, während Lohnkosten und weitere Auslagen durch die WNA gedeckt werden. Die Kosten für einen «Nuclear English»-Kurs und massgeschneiderte Veranstaltungen werden jeweils von den Auftraggebern übernommen.

Du amtest nun beinahe zwei Jahre als Direktorin der WNU. Wie hast Du die seit Deinem Arbeitsbeginn vergangene Zeit erlebt?

Bisher war es eine fantastische Zeit, in der viele Dinge passiert sind. Die WNA hat in den vergangenen Monaten in verschiedener Hinsicht einen Wandel durchlaufen. In dessen Verlauf ging es darum festzulegen, welches die wichtigsten Prioritäten sind und wie jede der verschiedenen Organisationseinheiten der WNA zum Erreichen der gemeinsamen Ziele beitragen kann.

In den vergangenen Monaten haben wir erkannt, dass Fragen der Nachwuchsförderung und der Personalentwicklung Aspekte sind, die zukünftig an Bedeutung gewinnen werden. Aus diesem Grund hat die WNA eine neue Arbeitsgruppe gegründet, die Anfang September ihr erstes Meeting bestritten hat.

Für die WNU war es ebenfalls eine Zeit der Umstellung, wobei ich meiner Vorgängerin, Patricia Wieland, sehr dankbar bin. Sie hat die WNU während mehrerer Jahre geprägt und das Programm weiterentwickelt. Von ihr durfte ich eine gut funktionierende Organisation übernehmen. Dies war gerade während der COVID-Pandemie von grosser Bedeutung. Seitdem haben wir uns intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, was die Kernenergiebranche benötigt und wie wir unser Kursangebot darauf ausrichten können. Aus der Umsetzung der darauf aufbauenden Planung haben wir wiederum Lehren gezogen, die wir bei der Vorbereitung künftiger Kurse berücksichtigen werden.

Das alljährlich stattfindende «Summer Institute» ist das unbestrittene Aushängeschild der WNU. Was sind die Kernpunkte der fünfwöchigen Weiterbildung?

Das fünfwöchige «Summer Institute» ist gewissermassen ein Abbild der Grundidee unseres Weiterbildungsprogramms. Wir fokussieren auf Leadership, Kommunikation und auf ein gesamtheitliches Verständnis der Welt der Kernenergie. Abgesehen davon geht es bei unserem Sommerkurs darum, Menschen aus aller Welt zusammenzubringen. Während fünf Wochen haben sie die Möglichkeit, ein weltumspannendes Beziehungsnetz aufzubauen und sich mit verschiedensten Persönlichkeiten auszutauschen. Interessant sind insbesondere die Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und deren Fach- sowie Aufgabengebiete. Die interaktiven Ausbildungsmodule geben die Möglichkeit, sich als Individuum in einem Team zu entwickeln, Fehler zu machen, aus diesen zu lernen und am Ende mit einem reichen Erfahrungsschatz nach Hause zurückzukehren.

2023 war Japan das Gastgeberland des «Summer Institute». Wo wird es 2024 stattfinden und weshalb sollen angehende Führungskräfte aus der Schweiz den fünfwöchigen Kurs besuchen?

2024 werden wir mit dem «Summer Institute» in Brasilien zu Gast sein. Es freut mich, ankündigen zu können, dass wir die Veranstaltung in Rio de Janeiro durchführen werden, insbesondere, da ich selber über brasilianische Wurzeln verfüge. Es ist ein wunderschönes Land mit einer warmherzigen Bevölkerung und leckerem Essen. Ich freue mich bereits sehr auf die technische Tour, wobei wir verschiedene Kernanlagen besuchen werden. Verglichen mit 2023 werden wir einige Anpassungen vornehmen, was das Programm anbelangt, da wir uns stetig verbessern möchten. Für Teilnehmende aus der Schweiz bietet das «Summer Institute» 2024 eine einzigartige Gelegenheit, sich mit Führungspersönlichkeiten aus aller Welt zu vernetzten und einen Einblick in die internationale Kernenergiebranche zu erhalten.

2022 wurde zum ersten Mal ein Wintercamp durchgeführt. Wie ist dieses Veranstaltungsformat entstanden und was ist die Idee dahinter?

Im vergangenen Jahr haben wir zusammen mit swissnuclear im Dezember in St. Moritz das erste Wintercamp durchgeführt. In Zusammenhang mit dem WNU-Jubiläum 2023 haben wir festgestellt, dass in den Jahren seit der ersten Durchführung des «Summer Institute» eine grosse Anzahl an Personen den Kurs absolviert haben. Die Idee entstand, Alumni verschiedener Jahrgänge zusammenzubringen, damit sie sich austauschen und Jüngere von den Erfahrungen Älterer lernen können. Zudem soll das Wintercamp die Möglichkeit bieten, Verbindungen wieder aufzufrischen und neue Beziehungen aufzubauen. Des Weiteren ist angedacht, dass sich die Teilnehmenden des Wintercamps mit Fragen auseinandersetzen, welche die Kernenergiebranche beschäftigen. In Arbeitsgruppen sollen analog zum «Summer Institute» Lösungsansätze und Konzepte erarbeitet werden.

2023 findet das Wintercamp in Andermatt statt. Was kannst Du uns über das Programm verraten?

Zusammen mit swissnuclear haben wir ein tolles Programm zusammengestellt, wobei wir sicher sind, dass es den Teilnehmenden gefallen wird. Abgesehen von Kursinhalten zum Thema Leadership oder zu Fragen der Personalentwicklung und -gewinnung darf man sich unter anderem auf den Besuch des Gotthard-Basistunnels freuen. Letzterer ist ein Jahrhundertbauwerk, das aufgrund verschiedenster Aspekte beeindruckt. Zum einen handelt es sich um den längsten Eisenbahntunnel der Welt, der den Norden Europas mit dem mediterranen Süden verbindet. Gleichzeitig ist es ein Grossprojekt, das innerhalb des gesetzten zeitlichen Rahmens unter herausfordernden Bedingungen fertiggestellt worden ist – eine Inspiration für zukünftige Grossprojekte.

Gibt es schon Pläne für das Wintercamp 2024? Wird es erneut in der Schweiz stattfinden?

Zurzeit sind wir auf der Suche nach einer Organisation, mit der wir das Wintercamp 2024 durchführen können. Wir sind diesbezüglich im Gespräch mit Partnern, die uns in den vergangenen Jahren unterstützt haben. Obwohl die Schweizer Bergwelt eine perfekte Kulisse für einen Anlass im Dezember bietet, möchten wir, dass das Wintercamp analog zum «Summer Institute» jedes Jahr in einem anderen Land stattfindet. Zurzeit diskutieren wir die Möglichkeit, das Wintercamp in Nordamerika durchzuführen.

Vor wenigen Wochen feierte die WNU am Rande des WNA-Symposiums ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Wie hast Du die Festivitäten erlebt?

Die Feierlichkeiten waren grossartig. Ich habe mich sehr darüber gefreut, wie viele Menschen den Weg nach London gefunden und mit uns gefeiert haben. Berührt hat mich besonders, dass viele der Mentoren und Redner an den Festivitäten teilgenommen haben. Bei ihnen handelt es sich um Freiwillige, ohne die Veranstaltungen wie das «Summer Institute» nicht möglich wären.

Das zwanzigjährige Jubiläum liegt bereits in der Vergangenheit. In welche Richtung wird sich die WNU in Zukunft entwickeln? Welche Vision verfolgst Du?

Meiner Meinung nach gibt es weltweit im Bereich der Kernenergie viele Organisationen, die intern gut organisierte und anspruchsvolle Leadership-Programme anbieten. Die WNU sticht diesbezüglich aufgrund der Internationalität ihres Kursangebots hervor, ein Aspekt, der insbesondere im Rahmen des «Summer Institute» ersichtlich wird. Wir bringen Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensläufen aus den verschiedensten Ländern zusammen, um sich auszutauschen, von den Erfahrungen anderer Kursteilnehmenden zu lernen und am Ende der Veranstaltung inspiriert mit neuen Ideen nach Hause zurückzukehren. Ich möchte auch in Zukunft Führungspersönlichkeiten zusammenbringen und das entstandene Netzwerk weiter ausbauen, damit auch nach dem «Summer Institute» weitere Kontakte geknüpft werden können. Der Austausch soll dabei nicht nur innerhalb des eigenen Jahrgangs stattfinden, sondern auch mit Alumni anderer Jahrgänge, damit Erfahrungen und Wissen von einer Generation an die nächste weitergegeben werden können. Ziel ist es, dass wir uns als Teil eines grösseren Ganzen verstehen, als Teil einer weltweiten nuklearen Gemeinschaft.