Innovation im Maschinenraum: Roboterhunde und Drohnen erobern das KKL
Maxi Monnerjahn verbindet im Kernkraftwerk Leibstadt bewährte Technik mit modernster Robotik. Roboterhunde und Drohnen gehören zu ihrem Arbeitsalltag. Als Technische Spezialistin für Robotik bringt sie neue Technologien gezielt zum Einsatz – und gestaltet so die Zukunft der Anlage aktiv mit.
Liebe Maxi, du bringst einen Master in internationaler Betriebswirtschaft mit. Was hat dich in die Kernenergiebranche und speziell in die Robotik geführt?
Ich bin durch Zufall in der Kernenergiebranche gelandet. Aus privaten Gründen zog ich vor einigen Jahren in die Schweiz. Über mein Netzwerk fand ich eine Stelle im Kernkraftwerk Leibstadt. Ursprünglich plante ich, maximal ein Jahr zu bleiben. Dann wurde Unterstützung im Team zur Zustandsüberwachung gesucht, und ich bin geblieben. Das ist mittlerweile fünf Jahre her. Seit Anfang 2026 bin ich als Technische Spezialistin für Robotik angestellt.
Die Arbeit im KKL hat mir von Anfang an sehr gefallen. Ich war schon immer sehr technikaffin und finde das Thema Kernenergie spannend. Da ich keinen nuklearen Hintergrund mitbrachte, musste ich mir jegliches Wissen zu diesem Thema mit Hilfe von vielen im KKL angebotenen Schulungen erarbeiten. Das war ein Sprung ins kalte Wasser, aber ich mag Herausforderungen.
Mit der Initiative «Nuklear 4.0» kam das Thema Robotik hinzu. Seit Anfang dieses Jahres beschäftige ich mich Vollzeit damit. Besonders spannend finde ich es, dass ich diesen neuen Bereich aktiv mit aufbauen darf. Gerade in der Kernenergie gelten sehr hohe Sicherheitsanforderungen – auch beim Einsatz von Robotik. Das macht die Arbeit umso anspruchsvoller und interessanter.
Was überrascht andere am meisten, wenn du von deiner Arbeit mit Roboterhunden und Drohnen im Kernkraftwerk erzählst?
Viele sind zunächst überrascht, dass ich in einem Kernkraftwerk arbeite – oft fällt dann der Vergleich zu Homer Simpson. Tatsächlich bin ich aber nicht im Kommandoraum tätig, sondern arbeite in der Maschinentechnik und leite Projekte im Bereich Robotik. Und genau hier wird es für viele erst richtig spannend: Wenn ich anderen davon erzähle, wofür wir Roboterhunde und Drohnen in der Anlage einsetzen, sind sie begeistert und erkennen den Mehrwert sofort.
Unsere Roboterhunde und die Indoor-Drohne kommen in Bereichen zum Einsatz, die während des Anlagenbetriebs für Menschen nur schwer oder gar nicht zugänglich sind, sowie überall dort, wo die Belastung des Personals möglichst gering gehalten werden soll. Zwar verfügen wir in Teilbereichen über zahlreiche Kameras und Sensoren, doch mit unseren Roboterhunden können wir Inspektionen dort noch gezielter durchführen.
Was fasziniert dich an der Kombination aus altbewährter Technik und modernster Robotik besonders?
Mich begeistert vor allem, dass wir mit dem Einsatz unserer Roboterhunde und Drohnen einen direkten Beitrag zur Sicherheit leisten können. Mit dieser Technologie können wir zusätzliche Daten erfassen und somit die Fachabteilungen bestmöglich unterstützen. Dadurch können potenzielle Anomalien schneller erkannt und analysiert werden – und die entsprechenden Massnahmen gezielter getroffen werden. Und letztlich macht es Spass, mit dieser Technologie zu arbeiten und zu sehen, wie wir mit unserer Arbeit das Thema Innovation weiter vorantreiben können.
Welche robotischen Systeme sind im KKL bereits im Einsatz?
Aktuell haben wir zwei Roboterhunde, eine Indoor-Drohne und zwei Drohnen für den Aussenbereich. Unsere Drohnen kommen überall dort zum Einsatz, wo Höhe und Sicherheitsabstände eine Rolle spielen. Wenn der Roboterhund nicht weiterkommt, übernehmen Drohnen die Inspektion aus der Luft.
Auch Unterwasserroboter haben wir bereits getestet – aktuell suchen wir jedoch noch nach einer passenden Lösung, die unsere Anforderungen erfüllt.
In welchen Bereichen bringt Robotik den grössten Mehrwert für Betrieb und Zustandsüberwachung?
Der grösste Nutzen entsteht dort, wo Einsätze für den Menschen aufwendig oder mit erhöhtem Risiko verbunden sind, beispielsweise bei Einsätzen in grosser Höhe oder in Bereichen mit erhöhter Strahlung. Der Einsatz von Robotik ermöglicht ausserdem eine deutlich umfassendere Datenerhebung.
Gibt es konkrete Beispiele, wie Robotik bei Einsätzen in schwer zugänglichen Bereichen unterstützt?
Ein gutes Beispiel ist die Suche nach Leckagen in der Anlage. Hier unterstützen uns die Roboterhunde und die Indoor-Drohne enorm. Die Roboterhunde können auch über längere Zeiträume eingesetzt werden. Die Akkuladung eines Roboterhunds reicht für etwa eine Stunde, und der Wechsel dauert nur wenige Minuten. Dadurch können wir gezielt und effizient visuelle Inspektionen durchführen.
Wo stossen Roboter im Alltag eines Kernkraftwerks noch an ihre Grenzen?
Bei Brandschutztüren stossen unsere Roboterhunde im wahrsten Sinne des Wortes an ihre Grenzen: Die Türen sind zu schwer, als dass die Roboterhunde diese selbst öffnen könnten. Zudem können die dicken Betonwände Signalübertragung beeinträchtigen. Das müssen wir berücksichtigen, bevor wir unsere Roboterhunde auf einen Rundgang schicken.
Hinzu kommt, dass wir die Roboterhunde nicht aus jedem Bereich bergen können, falls sie einmal stecken bleiben. Umso wichtiger ist eine sorgfältige Einsatzplanung. Mit zunehmender Erfahrung und regelmässigen Risikobewertungen weiss man, was möglich ist und was nicht.
Das KKL liefert seit 1984 zuverlässig Strom. Wie gelingt die Integration moderner Robotik in ein bestehendes System?
Das erfordert vor allem Teamarbeit und Offenheit. Gleichzeitig ist es wichtig, dem bestehenden System mit Respekt zu begegnen. Erfolgreiche Innovation gelingt nur, wenn alle Mitarbeitenden frühzeitig eingebunden werden, vor allem diejenigen mit langjähriger Erfahrung.
Wie stellt ihr sicher, dass ihr technologisch auf dem neuesten Stand bleibt?
Wir tauschen uns regelmässig mit anderen Kraftwerken aus, die ebenfalls robotische Systeme im Einsatz haben. Zudem nehmen wir an internationalen Konferenzen und Seminaren zum Thema Robotik im Kernenergiebereich teil. So haben wir beispielsweise im Juni 2025 gemeinsam mit der IAEA, Axpo und dem Forschungsinstitut EPRI den internationalen «Drones & Robotics Workshop» organisiert.
Der Austausch mit der Fachcommunity ist für uns sehr wichtig: Er hilft uns, Anwendungsfälle besser zu verstehen, Herausforderungen gemeinsam zu diskutieren und Lösungen gezielt weiterzuentwickeln.
Wie beeinflussen die neuen Technologien die Sicherheitskultur im Kernkraftwerk – und umgekehrt?
Bevor ein robotisches System bei uns zum Einsatz kommt, durchläuft es umfangreiche Tests. Die IT-Sicherheit spielt dabei eine zentrale Rolle: Wir prüfen, wie die Geräte kommunizieren und wie sie mit sensiblen Daten umgehen. Aus Datenschutzgründen setzen wir keine Cloud-Lösungen ein, sondern bevorzugen unabhängige Systeme.
Alle Einsätze mit Robotik innerhalb der Anlage müssen vom Schichtchef freigegeben werden, denn der sichere Anlagenbetrieb hat immer oberste Priorität. Nicht zuletzt stehen wir auch im engen Austausch mit allen Abteilungen. Dadurch können wir mögliche Risiken frühzeitig erkennen, Bedenken klären und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen.
Welche Projekte stehen als Nächstes an?
Aktuell bilden wir unsere Werkfeuerwehr mit Outdoor-Drohnen aus, damit diese unsere Feuerwehr bei Einsätzen als «drittes Auge» unterstützen können. Ausserdem entwickeln wir autonome Einsätze für unsere Roboterhunde. Erste Anwendungsfälle werden bereits getestet.
Wie könnte die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine in 10 bis 15 Jahren aussehen?
Die Zusammenarbeit dürfte meiner Meinung nach deutlich enger werden. In 10 bis 15 Jahren werden wir über einen grösseren Erfahrungsschatz verfügen. Ich gehe davon aus, dass Roboterhunde und Drohnen zusammenarbeiten und uns somit bei der Überwachung der Anlage noch stärker unterstützen werden – beispielsweise über einen Livestream des Einsatzes direkt in den Kommandoraum. Gleichzeitig dürfte menschliches Know-how unverzichtbar bleiben.