Inspirationen aus Südkorea für WiN Schweiz
Im Gespräch mit Carolin Fichtner, Fachexpertin Behördenkoordination und Stilllegungsverfahren bei Axpo
Carolin Fichtner vertrat Women in Nuclear (WiN) Schweiz an der 33. WiN Global Conference in Südkorea. Im Interview schildert sie ihre Eindrücke und zeigt auf, welche Impulse sie für WiN Schweiz mitgebracht hat.
Carolin ist promovierte Geowissenschaftlerin und arbeitet seit Juni 2025 im Kernkraftwerk Beznau als Behördenkoordinatorin und Expertin für Stilllegungsverfahren. Zuvor war sie bei der Nagra und am Paul Scherrer Institut (PSI), wo sie unter anderem den Rückbau der Schweizer Forschungsreaktoren koordinierte. Ausgleich zu ihrem Berufsalltag findet Carolin beim Fotografieren, Schnorcheln, Wandern und Skifahren.
Carolin, du engagierst dich bei WiN Schweiz. Was hat dich dazu motiviert?
Ich bin durch eine Kollegin auf WiN Schweiz aufmerksam geworden. Besonders spannend finde ich die Verbindung von Vernetzung und fachlichem Austausch. WiN bietet Möglichkeiten für berufliche Weiterentwicklung, Mentoring und organisationsübergreifende Zusammenarbeit und vernetzt Menschen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Als Fachexpertin in der Behördenkoordination arbeite ich an der Schnittstelle zwischen Technik und Aufsichtsbehörden. Über WiN möchte ich zu einem sachlichen Dialog und einem differenzierten Bild der Kernenergie beitragen. Mir ist es wichtig, Wissen über Kernenergie verständlich zu vermitteln.
Was bedeutete die Erfahrung in Südkorea für dich persönlich und beruflich?
Für mich war die Teilnahme eine wichtige Erfahrung. Ich hatte die Möglichkeit, Teil des globalen WiN-Netzwerks zu sein, das Schweizer WiN Chapter zu repräsentieren, Kontakte zu knüpfen und mich mit Fachpersonen aus unterschiedlichen Ländern auszutauschen.
Auch beruflich war die Konferenz für mich sehr wertvoll, da ich einen guten Überblick über aktuelle Themen in der Nuklearbranche gewonnen habe. Besonders interessant war es für mich die Rolle, die Kernkraft in anderen Ländern für Klimaschutz und Versorgungssicherheit spielt und die Projekte, die dort umgesetzt werden.
Welche Themen an der Konferenz sind dir besonders in Erinnerung geblieben?
Sehr präsent ist mir geblieben, wie stark der Fokus auf der zukünftigen Rolle der Kernenergie lag. Unter dem Motto «Nuclear Energy for New Challenges» wurde diskutiert, wie sich die Kernenergie weltweit weiterentwickelt und welchen Beitrag sie angesichts der Klimakrise und des wachsenden Strombedarfs, unter anderem durch KI und Rechenzentren, leisten kann.
Fachlich fand ich besonders neue Reaktorkonzepte wie Generation-IV-Reaktoren und Small Modular Reactors (SMR) sowie weltweite Neubauprojekte spannend. Interessant für mich waren zudem Regulierungsfragen: Wie lassen sich Bewilligungsverfahren effizienter gestalten, ohne dass dabei Abstriche bei der Sicherheit gemacht werden müssen, sodass Neubauprojekte wirtschaftlich umsetzbarer sind?
An der WiN Global Conference nahmen rund 600 Vertreterinnen aus 47 Ländern teil. Welche Erkenntnisse nimmst du aus dem internationalen Austausch mit?
Im internationalen Austausch wurde deutlich, dass viele Länder ihre Kernenergieprogramme auf- oder ausbauen. In zahlreichen Staaten wird Kernkraft als zentrale Technologie zur Stromerzeugung gesehen, die im Einklang mit den jeweiligen Klimazielen steht. Auch die Unabhängigkeit der Stromversorgung vom Ausland spielt eine wichtige Rolle. Dabei geht es darum, jederzeit ausreichend und verlässlich Strom zur Verfügung zu haben – auch in Zeiten geopolitischer Spannungen oder stark schwankender Energiepreise.
Es war zudem spannend zu sehen, dass die Ausgangslagen der Länder zwar sehr unterschiedlich, die Ziele jedoch oft erstaunlich ähnlich sind.
Du hast am Mentoring-Workshop «Growth & Global Connection» teilgenommen. Welche Impulse hast du mitgenommen?
Ein wichtiger Impuls war, Mentoring-Netzwerke stärker international und interkulturell zu verankern. Besonders interessant fand ich den Ansatz, Partnerschaften zwischen etablierten Kernenergienationen und Schwellenländern auszubauen, um Fachwissen und Erfahrungen auszutauschen. Eindrücklich fand ich den Fokus auf generationenübergreifende Führung: Erfahrene Führungskräfte geben ihr Wissen an die nächste Generation weiter und profitieren gleichzeitig vom frischen Blick der Jüngeren.
Der Workshop hat gezeigt, wie wichtig nachhaltige Netzwerke und Chancengleichheit sind. Kontakte sollen über einzelne Veranstaltungen hinaus gepflegt werden. Frauen soll der Zugang zu Fach- und Führungspositionen weltweit erleichtert werden.
Gab es eine Begegnung oder ein Gespräch, das dich besonders beeindruckt hat?
Besonders beeindruckt hat mich eine Kollegin aus Frankreich, die sich sehr für die Förderung von Frauen in kerntechnischen Berufen einsetzt. Im Gespräch mit ihr wurde mir nochmals bewusst, wie wichtig es ist, junge Frauen frühzeitig für die technische Laufbahn zu begeistern und sie gezielt dabei zu unterstützen – durch Mentoring, Netzwerke oder sichtbare weibliche Vorbilder. Diese Begegnung hat mir gezeigt, wie viel eine einzelne Person in ihrem Umfeld bewirken kann.
Was hat dich am südkoreanischen Ansatz besonders inspiriert?
Mich hat der pragmatische Umgang mit Bewilligungsverfahren und Behörden inspiriert. Der regulatorische Rahmen hat einen grossen Einfluss darauf, wie aufwendig, risikobehaftet und planbar ein Projekt ist und ob es sich wirtschaftlich umsetzen lässt. Lange und schwer planbare Verfahren erhöhen die Kosten und Risiken. Das kann Investoren abschrecken.
In Südkorea werden Vorbereitungsphase und Baubewilligung in einem Schritt abgewickelt. In der Schweiz sind diese Prozesse stärker gestuft: Für Rahmen-, Bau- und Betriebsbewilligung werden jeweils mehrere Jahre veranschlagt.
Ich fand es sehr eindrücklich, wie andere Länder dieses Verfahren schlank und effizient gestalten können, ohne dabei Abstriche bei der Sicherheit zu machen.
Welche Impulse aus Südkorea nimmst du für die Zusammenarbeit der europäischen WiN-Chapter mit?
Ich nehme vor allem den Gedanken mit, pragmatischer und lösungsorientierter zusammenzuarbeiten. Die europäischen WiN-Chapter könnten ihre Erfahrungen besser bündeln: Welche Verfahren funktionieren gut und wo bestehen noch Hürden?
Beeindruckt hat mich zudem, wie selbstverständlich internationale Partnerschaften zwischen etablierten Kernenergienationen und Ländern gelebt werden, die ihre Programme erst aufbauen. Auch in Europa könnten wir mehr gemeinsame Initiativen umsetzen, etwa bei Mentoring, Nachwuchsförderung und Kommunikation. So könnten wir voneinander lernen und eine stärkere europäische Stimme bei WiN entwickeln.
WiN Schweiz organisiert vom 21. bis 23. September 2026 das zweite WiN Europe Regional Event in Baden. Welche Rolle übernimmst du dabei, und was wünschst du dir für den Anlass?
Beim WiN Europe Regional Event werde ich vor allem als interessierte Zuhörerin dabei sein, aber auch bei der Anmeldung unterstützen. Ich freue mich darauf, die Teilnehmenden persönlich zu begrüssen und viele bekannte Gesichter wiederzusehen.
Ich wünsche mir, dass wir den Anlass nutzen, um voneinander zu lernen: Wie gehen andere Länder mit Herausforderungen wie Versorgungssicherheit, Kommunikation oder Fachkräftemangel um? Schön wäre, wenn alle Teilnehmenden mit neuen Einblicken, einem stärkeren europäischen Netzwerk und neuer Motivation nach Hause fahren.
Welche Themen beschäftigen die internationale WiN-Community derzeit besonders?
Vieles dreht sich um die zukünftige Rolle der Kernenergie und die Frage, welchen Beitrag sie in einem von Klimakrise und wachsendem Energiebedarf geprägten Umfeld leisten kann.
Fachlich stehen neue Reaktorkonzepte wie Generation-IV-Reaktoren und Small Modular Reactors (SMR) sowie weltweite Neubauprojekte im Fokus. Auch das Thema Regulierung ist sehr präsent.
Daneben geht es um praktische Fragen: Wie können wir Nachwuchskräfte gewinnen und als Branche attraktiv bleiben? Wie können wir komplexe Themen aus der Kernenergie verständlich vermitteln, um Vertrauen und Akzeptanz zu fördern?
WiN stärkt die Sichtbarkeit und Vernetzung von Frauen in der Kernenergie. Wo siehst du die grössten Chancen und Herausforderungen?
Die grösste Chance liegt für mich darin, dass Mitglieder aus sehr unterschiedlichen Bereichen miteinander in Kontakt treten können – vom Kraftwerksbetrieb und der Entsorgung bis hin zu Büro- und Supportfunktionen. Daraus entstehen ein reicher fachlicher Austausch, gegenseitige Unterstützung und viele neue Ideen. Ein solches Netzwerk macht Mut, auch im eigenen Umfeld differenziert über Kernenergie zu sprechen.
Herausfordernd ist es, fachliche und energiepolitische Themen mit persönlichen Themen wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbinden. Hinzu kommt, dass es in vielen Ländern noch kein WiN-Chapter gibt. Es wäre gut, wenn WiN in der Branche weiter an Sichtbarkeit gewinnen würde.
Klimawandel, Versorgungssicherheit und Nachwuchsförderung prägen die energiepolitische Diskussion. Welche Rolle spielt WiN dabei?
WiN Schweiz ist eine starke Kommunikationsplattform mit einer grossen Aussen- und Innenwirkung. Gerade bei Klimawandel und Versorgungssicherheit braucht es Fachexpertinnen, die verständlich vermitteln, welche Rolle Kernenergie als emissionsarme und verlässliche Technologie spielen kann. Durch WiN können wir dieses Wissen bündeln und faktenbasierte Informationen stärker in die öffentliche Debatte einbringen.
Auch in der Nachwuchsförderung leistet WiN einen wichtigen Beitrag. Bei Workshops und Tagungen können Berufseinsteigerinnen von erfahrenen Expertinnen lernen und umgekehrt. So erhalten junge Menschen konkrete Perspektiven für Entwicklungsmöglichkeiten in der Branche. Gleichzeitig bringen junge Menschen frischen Wind in die Branche.
Wie sollte sich WiN Schweiz in den nächsten Jahren weiterentwickeln?
WiN sollte seine Rolle als Sektion innerhalb des Nuklearforums Schweiz nutzen, um noch sichtbarer und wirksamer zu werden und die Perspektiven von Expertinnen stärker in die energiepolitische Diskussion einzubringen.
Wichtig fände ich zudem, die Angebote für Mitglieder auszubauen, insbesondere im Bereich Mentoring. Wenn erfahrene Mitglieder ihr Wissen strukturiert an jüngere Kolleginnen weitergeben, stärkt das sowohl deren Entwicklung als auch die Branche selbst.
Ein weiterer Schwerpunkt sollte darauf liegen, mehr Studierende und Berufseinsteigerinnen für WiN zu begeistern. Dafür muss WiN noch bekannter werden.
Welchen Rat würdest du jungen Ingenieurinnen oder Naturwissenschaftlerinnen mit auf den Weg geben?
Zuerst würde ich gratulieren: Wer ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium abgeschlossen oder sich für eine Tätigkeit in der Kernenergiebranche entschieden hat, hat bereits einen ersten wichtigen Schritt gemacht. Das Gleiche gilt auch für alle anderen Fachbereiche wie Kommunikation, Administration, Finanzen oder IT. Auch Expertinnen in diesem Bereich leisten einen wichtigen Beitrag in der Kernenergiebranche.
Mein Rat wäre, sich von der unsicheren Zukunft der Kernenergiebranche nicht entmutigen zu lassen. Selbst wenn das Neubauverbot in der Schweiz bestehen bleiben und sich der Langzeitbetrieb von Gösgen und Leibstadt wirtschaftlich als schwierig erweisen sollte, wird es noch viele Jahre anspruchsvolle und sinnvolle Aufgaben geben – insbesondere für den Rückbau der Schweizer Kernkraftwerke.
Gut ausgebildete und engagierte Fachkräfte, die Verantwortung übernehmen und ihr Know-how einbringen möchten, werden in der Schweizer Kernenergiebranche noch sehr lange gesucht sein.