Vorsicht Strommangellage!

Benno Bühlmann, Direktor des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz, zur nationalen Risikoanalye 2015

Herr Bühlmann, die Schweiz staunte über den Risikobericht 2015: als grösstes Risiko für die Schweiz wird darin eine längere Strommangellage im Winter aufgeführt. Wie kommt das BABS zu diesem Schluss?

Im Rahmen der nationalen Risikoanalyse hat das BABS 33 Gefährdungen nach einer einheitlichen Methode analysiert, dabei die zu erwartenden Schäden systematisch erfasst und sie nach gleichen Grundsätzen monetarisiert, d.h. in finanzielle Schäden umgerechnet. Durch dieses systematische Vorgehen können wir sicherstellen, dass wir im Katastrophenmanagement fundierte Grundlagen für die Vorsorgeplanung haben – und nicht einfach unsere Vorurteile weitertragen.

Als grösstes Risiko ist dabei in der Tat eine mögliche lang andauernde und schwere Strommangellage identifiziert worden. Damit ist eine Stromunterversorgung von 30 Prozent während mehrerer Monate gemeint. Unabhängig ob im Winter oder im Sommer ist eine solche Lage eine sehr grosse Herausforderung, insbesondere aufgrund der damit verbundenen Versorgungsengpässe und Logistikprobleme. Im Ergebnis kann ein derartiges Szenario zu grossen Personenschäden und zu immensen ökonomischen und immateriellen Schäden für die Wirtschaft und für die Gesellschaft führen. Es ist aber natürlich nicht das einzige Risiko, das wir haben. Ähnlich hoch liegt das Risiko insbesondere bei einer Pandemie, einer Hitzewelle oder einem Erdbeben.

Wichtig scheint mir noch ein weiterer Punkt: Das BABS hat die umfassende Risikoanalyse nicht für sich allein im stillen Kämmerlein gemacht. Beteiligt waren rund 200 Fachleute aus der Verwaltung, der Wissenschaft und der Wirtschaft. Die Ergebnisse sind also sehr breit abgestützt und unter www.risk-ch.ch transparent dokumentiert.

In den Medien hört man nur, es gebe in Mitteleuropa einen Überschuss an Strom. Eine Strommangellage ist aber offenbar  - neben Naturgefahren wie Dürre oder Unwetter oder auch einer Flüchtlingswelle - eines der wahrscheinlichsten Bedrohungsszenarien. Wie ist das zu verstehen? Hat es nun zu viel Strom oder wird er eher knapp?

Generell kann man heute sicher feststellen, dass genug Strom vorhanden ist – in einer normalen Situation. Wir beurteilen aber nicht, ob es in der Schweiz aktuell oder künftig in der normalen Lage und für unsere Alltagsbedürfnisse genügend Strom gibt. Unsere Risikoanalyse untersucht Katastrophen und Notlagen, in denen die normale Stromversorgung durch ein oder mehrere ausserordentliche Ereignisse gestört ist. Und diese Analyse zeigt eben, dass die Stromversorgung für alle Lebensbereiche äusserst relevant ist und dass die Auswirkungen einer länger dauernden Strommangellage für Wirtschaft, Gesellschaft und Staat gravierend sind.

Sind bei den im Risikobericht genannten Naturgefahren die Auswirkungen des Klimawandels berücksichtigt?

Unser Risikobericht hat einen Betrachtungshorizont von 10 bis 15 Jahren. Die längerfristig zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels sind für die Analyse mit diesem Zeithorizont nur bedingt relevant. Die bereits manifesten und beobachtbaren Auswirkungen sind jedoch mitberücksichtigt.

 Was bedeutet es für die Versorgungssicherheit der Schweiz, dass eine Strommangellage das grösste Risiko für die Schweiz ist?

Aus Sicht des Bevölkerungsschutzes bedeutet das zunächst, dass wir uns möglichst gut auf eine derartige Notlage vorbereiten müssen. Und diese Vorsorge lässt sich nicht einfach an eine zuständige Behörde delegieren. Alle sind gefordert: die Unternehmen, die Verwaltung, die staatlichen Einsatzorganisationen, das Gesundheitswesen – und nicht zuletzt auch die Privathaushalte. Es ist sehr sinnvoll, sich darauf vorzubereiten, eine Notlage möglichst gut aus eigener Kraft bewältigen zu können. Mit unserer Gratis-App Alertswiss und auf der Website www.alertswiss.ch stellen wir dazu einfache, nützliche Informationen zur Verfügung.

Was macht das BABS, um die Vorsorge in diesem Bereich zu verbessern?

Wir haben vom Bundesrat den Auftrag erhalten, den Schutz von kritischen Infrastrukturen mit Betreibern und anderen Ämtern zu koordinieren – und wir arbeiten intensiv daran, diesen Schutz weiter zu verbessern. Dabei sind vertiefte Kenntnisse der gegenseitigen Abhängigkeiten von Infrastrukturen wie z.B. Energie, Verkehr, Kommunikation wichtig, da immer mehr Anwendungen stromabhängig sind. Ein ganz wichtiger Bereich sind ausfallsichere Kommunikationsverbindungen. Das BABS führt deshalb zurzeit gleich mehrere Projekte, um die Kommunikation unter den Führungs- und Einsatzorganisationen krisensicher zu machen. Ausserdem sind wir daran, neue Mittel zur Information der Bevölkerung über mehrere Kanäle zu entwickeln, damit wir auch bei einem Ausfall eines Systems die Bevölkerung weiterhin erreichen.

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