«Vor uns liegen entscheidende Jahre»

Corina Eichenberger über ihre neue Aufgabe als VR-Präsidentin der Nagra

Frau Eichenberger, warum geht die Entsorgung der radioaktiven Abfälle alle Schweizer und Schweizerinnen an? Und ist sie nun gelöst oder nicht gelöst?

Unsere Generation hat in verschiedenen Bereichen vom Nutzen der Radioaktivität profitiert: von der Stromerzeugung in Kernkraftwerken bis hin zur Strahlentherapie in der Medizin. Dabei fallen radioaktive Abfälle an, die einen verantwortungsvollen Umgang erfordern. Es wäre nicht fair, die Entsorgung und damit die Verantwortung einfach auf die nachkommenden Generationen abzuschieben. Wir sind unseren Nachkommen eine sichere Entsorgung dieser Abfälle schuldig. Dieses Bewusstsein ist auch in der Schweizer Bevölkerung vorhanden: Eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Energie im Jahr 2013 hat ergeben, dass 95 % der Schweizerinnen und Schweizer die Entsorgung der radioaktiven Abfälle nicht an nachfolgende Generationen abschieben wollen. Sie fordern rasche und konkrete Lösungen. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) erarbeitet Entsorgungslösungen, die den langfristigen Schutz von Mensch und Umwelt über Generationen hinweg sicherstellt. In der internationalen Fachwelt besteht Konsens, dass der langfristige sichere Einschluss der radioaktiven Abfälle in stabilen, wasserundurchlässigen Gesteinsschichten, also die geologische Tiefenlagerung, dazu am besten geeignet ist. In der Bevölkerung kann die Akzeptanz für ein Tiefenlager nur durch Transparenz erreicht und erhalten werden. Deshalb achte ich bei meiner Arbeit als Verwaltungsratspräsidentin der Nagra sehr darauf, dass Transparenz und Offenheit in unserem Unternehmen weiterhin gelebt werden. Die Wissenschaftler können die Entsorgung aber nicht alleine lösen, Gesellschaft und Politik sind ebenso gefordert.

In den über 40 Jahren, in denen die Nagra existiert, haben wir schon viel erreicht und die Machbarkeit von geologischen Tiefenlagern wurde vom Bundesrat anerkannt. Auch im Standortwahlverfahren sind wir auf einem guten Weg. Noch sind wir aber nicht am Ziel und müssen unser Wissen stufengerecht vertiefen. In der zweiten Jahreshälfte 2014 findet beispielsweise im Felslabor Mont Terri ein bedeutendes Langzeitexperiment im Massstab 1:1 statt, mit dem das Schweizer Einlagerungskonzept überprüft wird.

Was sehen Sie als grösste Herausforderung der Nagra für die nächsten Jahre?

Vor uns liegen entscheidende Jahre. Wir stehen mitten in Etappe 2 des Standortwahlverfahrens des Bundes. Voraussichtlich Ende dieses Jahres werden wir unsere Vorschläge zur Einengung beim Bundesamt für Energie (BFE) einreichen. Einengung bedeutet, dass von den heute möglichen sechs Standortgebieten nur noch die besten der besten in Etappe 3 weiter untersucht und die übrigen zurückgestellt werden. Mindestens zwei Standortgebiete pro Abfallkategorie (schwach- und mittelaktive Abfälle sowie hochaktive Abfälle) müssen gemäss Vorgabe des Bundes im Verfahren verbleiben. Anfang 2015 wird das BFE diese Vorschläge veröffentlichen und dann folgt die aufwändige fachtechnische Prüfung. Nach der breit angelegten öffentlichen Anhörung aller Unterlagen wird der Bundesrat voraussichtlich im 2017 über die eingereichten Vorschläge und somit den Abschluss der zweiten Etappe des Standortwahlverfahrens entscheiden. Die abschliessende Standortwahl erfolgt in der dritten Etappe. In den verbleibenden Standortgebieten planen wir intensive Feldarbeiten wie 3D-seismische Messungen und Sondierbohrungen. Gestützt auf die Erkenntnisse aus diesen Untersuchungen führen wir den sicherheitstechnischen Vergleich der Standorte durch und geben gegen 2020 bekannt, für welche(n) Ort(e) wir das Rahmenbewilligungsgesuch ausarbeiten wollen. Letzteres soll gegen 2022 eingereicht werden. Nach der Prüfung der Unterlagen durch die Behörden und einer öffentlichen Anhörung – beides nimmt fünf Jahre in Anspruch – wird der Bundesrat voraussichtlich 2027 den definitiven Standortentscheid treffen. Dieser muss vom Parlament genehmigt werden. Der Parlamentsentscheid untersteht dem fakultativen Referendum, und sofern dieses ergriffen wird, kann das Schweizer Volk etwa 2029 über den oder die Standort(e) für ein geologisches Tiefenlager abschliessend entscheiden.

Auf die Nagra kommt somit eine Menge Arbeit zu. Wir müssen schon heute die Weichen stellen, damit wir gut aufgestellt sind und die anstehenden Arbeiten zeitgerecht und mit hoher Qualität bewältigen können. Je konkreter das Vorhaben mit den Tiefenlagern wird und je näher die Realisierung rückt, desto mehr muss sich die Nagra von einer Forschungsorganisation hin zu einem Generalunternehmen entwickeln. Diese grundlegende Transformation werde ich unterstützen und begleiten.

Was wünschen Sie sich zum Amtsantritt am meisten für Ihre neue Aufgabe?

Ich freue mich auf die neue Aufgabe als Verwaltungsratspräsidentin der Nagra. Durch meine frühere Tätigkeit beim Nuklearforum bin ich auch mit der Entsorgung vertraut. Ich werde mich auch auf politischer Ebene für diese wichtige Aufgabe einsetzen. Es ist mir ein persönliches Anliegen, dass bei der Standortfindung die Sicherheit oberste Priorität hat und daher auch auf politischer Ebene Entscheide immer sicherheitsbezogen gefällt werden. Bei meiner neuen Aufgabe freue ich mich auf die Unterstützung aller Mitarbeitenden der Nagra. Nur gemeinsam können wir die an uns gestellten Aufgaben zeitgerecht wahrnehmen. Ich bin überzeugt davon, dass wir alle am gleichen Strick ziehen werden, denn das sind wir uns und unseren Nachkommen schuldig.

 

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