Experiment Energiewende

Wolfgang Denk, Leiter nukleare Beteiligungen bei Alpiq, beantwortet Fragen zur deutschen Energiewende

Herr Denk, als Deutscher verfolgen Sie auch die Energiewende in Ihrem Heimatland. Können Sie diese kurz umreissen?

Deutschland erzeugte vor zehn Jahren fast 30% seines Stroms mit Kernenergie, 60% mit fossilen Kraftwerken und gut 10% aus anderen Quellen wie Wasserkraft, ölbefeuerten Kraftwerken und Kehrrichtverbrennungsanlagen. Nach Fukushima wurden acht KKW-Blöcke abgeschaltet. Bis 2022 soll auch das letzte KKW vom Netz. Bis 2050 will sich Deutschland zu 80% mit erneuerbarem und nur noch zu 20% mit fossilem Strom versorgen. Dazu forciert die deutsche Bundesregierung seit zehn Jahren vor allem den Zubau von Wind, Photovoltaik und Biomassekraftwerken mit einem massiven Subventionsprogramm.

Seit Beginn der sogenannten Energiewende ist der Anteil der Stromerzeugung aus neuer erneuerbarer Energie (ohne Wasserkraft) am deutschen Produktionsmix bis Ende 2012 auf rund 18% gestiegen. Der fossile Anteil blieb aber bei hohen 56% (ohne heizölbefeuerte Stromerzeugungsanlagen).  Zudem sind die CO2-Emissionen Deutschlands heute auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren. Denn es wird mehr Braunkohle verbrannt denn je, um Atomstrom zu ersetzen.

Welches sind für Sie die wichtigsten Folgen dieses Atomausstiegs?

Betrachten wir die Sache einmal von ungewohnter Seite: Würden die deutschen KKW – wie vor Fukushima vorgesehen – 50 Jahre betrieben, so könnten sie insgesamt noch rund 2500 Terawattstunden wertvollen Strom erzeugen. Bei 60 Jahren sicherem Betrieb, was in vielen Industrienationen als neuer Standard gesehen wird, wären es sogar 4000 TWh. Damit könnte man die ganze Schweiz während 66 Jahren vollversorgen!

Die Energiewende hat massive wirtschaftliche Folgen: einerseits für die Anlagenbesitzer, die ihre Investitionen nicht amortisieren können und so erhebliche Verluste erleiden, während sie gleichzeitig in neue Kraftwerke investieren sollen. Andererseits für die Netzbetreiber, die heute nur mit Mühe das Netz stabil und damit die Versorgungssicherheit aufrecht halten. Denn der steigende und heftig schwankende Anteil Wind- und Sonnenstrom, der per Gesetz Einspeisevorrang hat, erschwert ihre Aufgabe beträchtlich. Wind- und Sonnenstrom lässt sich nicht speichern und später nutzen – dazu fehlen uns auch nach vielen Jahrzehnten intensiver Forschung im Grossmassstab realisierbare und bezahlbare technische Lösungen. Als Folge davon müssen Kohle- und Gaskraftwerke ihre Produktion drosseln, wenn die Sonne scheint (ca. 12% der Zeit in Deutschland) oder der Wind weht (ca. 20% der Zeit in Deutschland). Das macht das Energiesystem insgesamt sehr ineffizient, denn die bereits bestehenden Kraftwerke braucht es weiterhin neben den neuen erneuerbaren Kapazitäten.  

Die massiven Subventionen von  über 20 Milliarden EUR jährlich beeinflussen das System derart stark, dass kaum noch ein richtiger Markt existiert. Haushaltstrom kostet in Deutschland derzeit mehr als 32 Rp. /kWh (in der Schweiz rund 18 Rappen), während die Strommarktpreise weniger als 5 Rp. /kWh betragen. Diese Marktverzerrungen wirken sich auch auf die Schweiz aus und machen sogar die Wasserkraft zunehmend unrentabel.

Was bedeutet diese Energiewende denn für die Bürger und die Industrie?

Die meisten Stromkonsumenten, d.h. Mieter in einem Mehrfamilienhaus, sind mit beträchtlichen Zusatzkosten in Form von Steuern und Abgaben konfrontiert. Ein beachtlicher Teil der deutschen Haushalte ist mittlerweile auf staatlich verbilligten Strom angewiesen, ähnlich wie der Staat die Krankenkassenprämien für Einkommensschwache unterstützt.  Grossverbraucher können bisher zumeist noch von Ausnahmeregelungen Gebrauch machen. Doch die Abwanderung energieintensiver Industrie in Länder wie beispielsweise die USA, wo Strom mittlerweile fünf Mal weniger kostet als in Deutschland, wird immer mehr zum Thema. Die wirtschaftliche Leistung Deutschlands droht zu sinken.

Besitzer von Windkraft-, Photovoltaik- und Biomassekraftwerken hingegen – als Landbesitzer, Hausbesitzer, oder Landwirte oftmals bereits wohlhabender als z.B. Mieter –  erhalten Milliardenbeträge ausbezahlt für ihren Alternativstrom: ein Produkt, das unberechenbar und oft am Bedarf vorbei anfällt. Ohne starke Subventionen und Einspeisevorrang würde ein solches Produkt nie in überleben bzw. ins Netz eingespeist. Man stelle sich nur einmal einen Fährbetrieb zwischen Dover und Calais vor, der mit Segelbooten ohne Hilfsmotor operieren würde. Ohne einen garantierten Schleppservice einer motorisierten Flotte würde wohl niemand so ein Boot betreten.

Alles in allem kristallisieren sich nun immer mehr gravierende Nachteile dieses politischen Mammutexperimentes heraus. Es beginnt eine wichtige Diskussion, von der die Schweiz sehr viel lernen kann. 

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