Ich liebe meinen Job

Chemikerin in einem KKW - Dr. Helena Loner erzählt, wie sie ihre Arbeit erlebt

Frau Loner, was arbeitet man als Doktor der Chemie in einem Kernkraftwerk?
Als promovierte Naturwissenschaftlerin im Fachkader befasse ich mich mit spezifischen Fragestellungen. Dies kann zum Beispiel die Optimierung der chemischen Fahrweise in Kühlkreisläufen sein, die Entwicklung von chemischen oder radiologischen Messmethoden oder die Abklärung von Auswirkungen der Wasserchemie auf gewisse Komponenten. Auch das begleiten von Projekten zum Ersatz von Komponenten gehört zum Aufgabenbereich eines Chemikers.

Warum entschieden Sie sich für eine Tätigkeit in einem KKW?
In einem grossen Chemiekonzern wollte ich nie arbeiten. Durch meinen Schwiegervater, der Chemiker im Paul Scherrer Institut war, habe ich erfahren, dass es auch in Kernkraftwerken Chemiker braucht. Denn er forschte im Auftrag von Kernkraftwerken an gemeinsamen Projekten. Bis dahin war ein KKW für mich eine grosse Blackbox, aus der einfach viel Strom herauskommt. Aber als Chemikerin an einem Ort zu arbeiten, wo es neben der Chemie noch viel spannende Technik gibt, das fand ich faszinierend.

Wie erleben Sie die Arbeit in einem Kernkraftwerkt?
In meinen bald 20 Jahren im KKL durfte ich erleben, wie abwechslungsreich die Arbeit hier ist: Von Messkampagnen zur Leistungserhöhung über Recherchen zum Einfluss der Wasserchemie auf die Brennstoffhüllrohre bis hin zu radiologischen Messungen zur Bestimmung der nuklidspezifischen Zusammensetzung von Kontamination oder von Verunreinigungen in Prozessmedien wie Wasser und Luft - alles ist spannend! Besonders gern habe ich stets auch Studenten bei Diplomarbeiten und Dissertationen begleitet, denn dabei wird immer Neues entwickelt. Es gibt in einem KKW viele unterschiedliche Fachbereiche, die gut zusammenwirken müssen. Ein verantwortungsbewusstes Networking mit Kollegen im Werk, aber auch in andern Kraftwerken, sei dies in der Schweiz oder international, ist nicht nur grundlegend, es macht auch Freude. Wir tauschen uns aus und lernen von- und miteinander, nicht zuletzt, weil dies ein wichtiger Faktor für eine hohe Sicherheitskultur ist.

Haben Sie keine Probleme damit, sich für eine so kontroverse Technologie wie die Kernenergie zu engagieren?
Zu Beginn faszinierte mich hauptsächlich die Technologie – hier kommt Strom für zwei Millionen Haushalte aus einem einzigen Kraftwerk! Mit der Zeit sah ich, dass die Kernenergie noch mehr Positives zu bieten hat. Ich bin heute überzeugt, dass sie eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Klimawandel übernehmen kann. Denn aus kleinsten Mengen Brennstoff entsteht im KKW eine grosse Menge klimafreundlicher Strom. Auch ist die Stromerzeugung von äusseren Einflüssen unabhängig und trägt so wesentlich zu einer sicheren Stromversorgung bei. Die Kerntechnik wird laufend weiterentwickelt und hat noch viel Potential. Für mich als Mutter von zwei Kindern ist die Bedeutung der Kernenergie für den Klimaschutz, für die bessere Ausnutzung von Ressourcen und Abfallminimierung immer mehr in den Vordergrund getreten

Wie reagieren denn Personen, wenn sie erfahren, dass Sie im KKW arbeiten?
Ich höre ganz Unterschiedliches, von „Da sind wir wohl nicht auf der gleichen Schiene.“ über „Da bin ich ja beruhigt, dass ich jemand kenne, der da arbeitet.“ bis „Wow, cool!“

Was denken Sie, warum ist das so?
Für die meisten Leute ist ein KKW nichts Alltägliches. Sie sind auf Informationen dazu angewiesen. Aber nicht alle Informationslieferanten sind der Technologie wohl gesinnt. So entstehen oft Fehl- und Vorurteile.

Warum engagieren Sie sich als Präsidentin des Vereins Women in Nuclear Schweiz?
Mir ist der Austausch mit andern Frauen wichtig. Ich möchte wissen, wie sie das Thema Energie wahrnehmen, und was wir tun können, um speziell die Ängste und Sorgen der Frauen gegenüber der Kernenergie anzusprechen und zu klären. Es scheint mir auch sehr wichtig, dass junge Leute und insbesondere Mädchen sich frühzeitig mit dem Thema Energie sachlich auseinandersetzen. Wenn mehr Frauen technische Berufe erlernen und in der Branche tätig werden, so bereichert das die Energiebranche – und die Frauen können kompetenter mitreden und unsere Energiezukunft aktiv mitgestalten.

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